29.07.2014

Berner Landbote

 

«Alleinsein ist so schön wie die Gegend hier» 

 

 

 

 

 

Theo Schmid privat. Chiara geniesst die Streicheleinheiten und ihr Meister die Spaziergänge mit dem Vierbeiner in den «Högern» rund um Rüschegg. 
Rüschegg Heubach
• Theater und Musik sind Theo Schmids Leidenschaft. Haupt- und nebenberuflich investiert er dafür viel Herzblut und Zeit. Erholung und Entspannung findet er direkt vor der Haustür.
JÜRG AMSLER
Rüschegg Heubach. Wer den Ortsnamen zum ersten Mal hört, runzelt die Stirne. Wer den Ort nur flüchtig besucht, wird den Eindruck nicht los, hier würden sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Eines ist sicher: Für Stadtmenschen sind die dem Gantrisch und Ochsen vorgelagerten «Höger» nichts. Und sich in den vielen Gräben zurechtzufinden, ist für Ortsunkundige keine einfache Aufgabe. Hier herrscht die Ruhe selbst. Für Theo Schmid genau das Richtige.
Wir sitzen auf der Laube vor seinem Haus. Das «bhäbige» Dach vermittelt einem ein Gefühl der Geborgenheit. Der Blick schweift immer wieder zu diesen «Högern» mit ihren dunklen Wäldern und saftig grünen Matten. Der Regen hat die Luft reingewaschen. «Es gibt dort oben kaum eine Tanne, die ich mit unserem Hund nicht schon besucht habe», sagt Theo Schmid und zeigt hinauf, wo sich hinter den dicken Wolken die Gant-rischkette versteckt. Er geniesst es, mit Chiara unterwegs zu sein. «Häufig begegne ich keinem Menschen. Dieses Alleinsein ist genau so schön wie die Gegend.»
Er wohnt schon seit 30 Jahren hier, möchte nicht mehr zurück ins Seeland. Er ist in Rüti bei Büren mit seinen älteren Brüdern Martin, Peter und Samuel aufgewachsen. Genau, jener Samuel Schmid, der von 2001 bis 2008 Bundesrat war, und jener Peter, der von 1979 bis 1998 in der Berner Kantonsregierung Einsitz nahm. Martin war sein Leben lang als Landwirt und Betriebsleiter in einer sozialtherapeutischen Gemeinschaft tätig. Statt der Politbühne hat Theo Schmid jene Bühne gewählt, die für ihn, wie für viele andere, die Welt bedeuten. «Während meiner beruflichen Auszeit habe ich bei Stefan Huber am Stadttheater Bern bei der Produktion von ‹Hallo Dolly› als Regieassistent hospitiert», sagt Schmid und erwähnt, dass er verschiedene Ausbildungen in Sprechtechnik, Schauspiel und Regie absolviert hat. 
Der Theatermensch
Die Schauspielerei hat es ihm angetan. Das haben die Rüschegger und Rüschegerinnen – wenn sie es noch nicht gewusst haben – vor vier Jahren mitbekommen. Zur Feier der 150-jährigen Eigenständigkeit der Gemeinde wurde «Strubi Zyte» aufgeführt. Theo Schmid war Mitautor dieses Winternachts-Stationentheaters. Er war Produktionsleiter und führte Regie. Über 150 Personen machten mit. Das ist fast ein Zehntel der Gesamtbevölkerung. «Anfänglich gabs grosse Skepsis. Die Rüschegger sind ein Volk, das Neuem eher zurückhaltend gegenüber steht. Sie sind bei weitem nicht die Einzigen mit dieser Haltung.» Nach dem der Funken übergesprungen sei, wären alle Beteiligten mit Feuer und Flamme dabei gewesen. Sie hätten Dinge bewerkstelligt, die er sich nur zu träumen gewagt habe, lobt er und ist heute noch stolz auf das gemeinsam Erreichte.
In «Strubi Zyte» hat Theo Schmid die «strube» Zeiten aufgearbeitet, die die Leute in dieser gottverlassenen Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts erfahren mussten. Bis 1860 gehörte Rüschegg zu Guggisberg. Grund für die Abtrennung ist die grosse Armut gewesen. Durch die Aufteilung konnten die beiden Gemeinden vom Kanton Bern grössere Unterstützung beantragen. Vor allem die Leute in den unteren Gemeindeteilen – Heubach und Graben – seien mausarm gewesen und hätten in «Tätschhütten» gewohnt. «Die Männer haben im Sommer ihr Geld als Taglöhner, Hausierer und Korbflechter verdient, um ihre Familien mehr schlecht als recht durch den Winter zu bringen. Tod wegen Auszehrung ist zu jener Zeit als häufige Todesursache in den Kirchenrodeln vermerkt worden», sagt Schmid. Das Gefühl, minderwertig zu sein, und der schlechte Ruf – «die Missliebigen aus dem Unterland wurden hierher geschickt» – sei noch über Jahre mit der Rüschegger Bevölkerung in Verbindung gebracht worden. «Der Erfolg dieses Stückes half mit, ihr Selbstwertgefühl und den Dorfzusammenhalt zu stärken. Es hat mir gezeigt: Wenns sein muss, stehen die Leute hier zusammen.» Regiearbeit ist nur die eine Seite des Theatermenschen Theo Schmid. In verschiedensten Rollen hat er sein schauspielerisches Talent schon bewiesen. So im letzten Jahr in der Titelrolle von «Hiob», einem Projekt der Kirchgemeinde Wahlern. Oder vor zwei Jahren als Hans Holzer in «Holzers Peepshow» in einer Freilichtproduktion des «Theater Gurten». Er war Hauptdarsteller in «Elling», einem Stück nach dem gleichnamigen Film von Axel Hellstenius, mit dem das «theater ChardonNez» von 2007 bis 2009 auf verschiedenen Bühnen in der Schweiz unterwegs  war. Die Liste seines schauspielerischen Engagements ist nicht unendlich, aber lang. Um Rollen zu lernen, gäbe es nichts Besseres als einsam mit Chiara in den «Högern» um Rüschegg unterwegs zu sein, sagt Theo Schmid und unterstreicht damit erneut, wie sehr er diese Gegend liebt. 
Der Musiker
Neben dem Schauspieler, Autor, Regisseur und Theaterproduzent, gibt es noch den Musiker Theo Schmid. «Musik liegt mir sehr am Herzen», sagt er.  So überrascht es nicht, dass nach seiner Ausbildung zum Primarlehrer die Weiterbildung zum Lehrer für Schulmusik am Konservatorium und an der Universität Bern folgte. «Heute unterrichte ich in einem Teilzeitpensum Musik am Oberstufenzentrum (OSZ) in Belp», sagt Schmid. 70 Prozent seines Arbeitspensums füllt sein Hauptberuf aus. Die sechs Musicalproduktionen des OSZ Mühlematt unter seiner Leitung sind nicht nur für die Beteiligten zu unvergesslichen Projekten geworden. «Euphoria» vom letzten Jahr wird seine Letzte gewesen sein. Ob diese Musicaltradition an der Oberstufe in Belp fortgesetzt wird, überlässt er anderen.
Seine zweite Leidenschaft neben dem Theater hat Theo Schmid mit den «Berner Barden» gelebt. Für sie hat er Texte und Lieder geschrieben. Bis 1986 waren die vier Liedermacher in drei Programmen und bei Dutzenden von Auftritten – auch ausserhalb des Kantons Bern – zu hören.
Musik, Kabarett und Theater hat er zusammen mit Elisabeth Kollbrunner-Hegert, Peter Schwander und Laurenz Suter nach Schwarzenburg ins Theater Muskat gebracht. Bis im April dieses Jahres sind zahlreiche namhafte Kleinbühnenkünstlerinnen und -künstler auf der Bühne im Saal des Gasthofes Bahnhof zu sehen und hören gewesen. «Der Gasthof wurde geschlossen. Wir sahen keinen Weg mehr, den Betrieb weiterzuführen», begründet Theo Schmid den Entscheid, dieses Theaterprojekt nach 20 Jahren aufzugeben.
Der Privatmann
Gibt es bei so viel Engagement und Interessen für Theater und Musik überhaupt noch Platz für den Privatmann Theo Schmid? Er lacht: «Natürlich. Ich habe zehn Bienenvölker, die ich mit einem meiner Söhne und meiner Frau betreue. Verschiedene Projekte im und ums Haus stehen an. Dann ist die Familie da mit vier Kindern und ebenso vielen Grosskindern. Und der Hund.» Zudem habe er sich vorgenommen, in diesem Herbst sich eine Pause zu gönnen und nur noch bei den szenischen Führungen bei «Pro Brenodor» mitzuwirken. 
Theo Schmid wäre nicht Theo Schmid, wenn er nicht neue Projekte im Kopf herumtragen würde. Noch ist nichts spruchreif. Doch im nächsten Jahr wird bestimmt wieder von ihm zu hören sein. 

  

© Berner Zeitung; 02.07.2012; Seite 1st

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BZ Ausgabe Stadt + Region Bern front

«Peepshow» überzeugt

theater gurten In der Komödie «Holzers Peepshow» melkt eine Bauernfamilie Touristen statt Kühe. Die Komödie wird vom Freilichttheater Gurten sonst eher bekannt für ernste Werke überzeugend umgesetzt. Es ist verblüffend, wie aktuell die vor 23 Jahren geschriebene Parodie auf die Swissness im heutigen Zeitalter der TV-Realityshows ist: Bauernfamilie Holzer spielt ihr idyllisches Leben für Touristen, während sie in der Realität auseinanderbricht. Markus Köbelis ursprünglich nur mit fünf Personen besetzte Komödie wurde von Regisseurin Livia Anne Richard zum Freilichtspiel erweitert. Das Team schafft es, das Spiel zu abstrusem Irrsinn zu steigern und tiefgründig enden zu lassen. 

 

 

Schaffhauser Nachrichten

Dienstag 13. November 2007

 

 Theater «Elling» im KinoTheater Central Neuhausen

Eindrücklicher Exkurs über Aussenseitertum

...  zu zweit ganz auf sich allein gestellt, müssen sich die beiden scheuen Männer an die neue Freiheit gewöhnen. Hier setzt die Mundartversion der erfolgreichen norwegischen Kinovorlage von Petter Naess an: Das Berner Ensemble Theater ChardonNez, bestehend aus den drei Gründungsmitgliedern Theo Schmid (Elling), Peter Glatz (Kjell Bjarne) und Laurenz Suter als Frank, die leicht nervende, vom Sozialamt zugewiesene Aufsichtsperson mit einer tatsächlich sozialen Ader, präsentierten im Neuhauser KinoTheater Central Einblicke in das Innenleben einer leicht skurrilen Zweier-WG. In äusserst unterhaltsamen 90 Minuten (Regie: Renate Adam) tun sich die beiden freiwillig Eingeschlossenen anfänglich äusserst schwer.

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Die Haushaltspflichten aufteilen geht ja noch. Elling, der penible Putzfanatiker, kümmert sich um die Wohnung; Kjell, sowieso durch Liebesfrust an Esszwang leidend, draussen in der weiten Welt um Nahrungsbeschaffung. Angespornt von Helfer Frank, gewöhnen sich die zwei Querdenker zögerlich an eine propere Antwortpraxis per Telefon. ...

Kjell und Elling entdecken eines Abends die betrunkene Nachbarin Reidun (Annemarie Morgenegg) zusammengebrochen im Treppenhaus. Kjell verliebt sich Hals über Kopf in die (schwangere) Dame, leider zum Missfallen Ellings. Die Eifersucht frisst ihn fast auf, doch am Ende siegt die Vernunft, und die beiden Seelenverwandten versöhnen sich bei einem Glas Schnaps und stossen auf die Geburt von Reiduns Tochter an. Kjell findet die Liebe, Elling die Liebe zur Prosa und das Theater ChardonNez genau die richtigen Töne in diesem schlichten, doch eindrücklichen Exkurs über Aussenseitertum.

...

Die Pointen und Seitenhiebe auf Sozialpolitik und Leben in der Anstalt sitzen, Theo Schmid und Peter Glatz brillieren in einem sanften, ruhigen und von prägnanten Pausen geprägten Zimmerspiel der schrägeren Art.

Alexander Joho